Bedeutendes Zeugnis kurpfälzischen Orgelbaus
„Orgel des Monats Februar 2026“ in Heidelberg
Ihre Lebensgeschichte ist beeindruckend. Die Krämer-Orgel, die inzwischen in der Heidelberger Christuskirche beheimatet ist, hat Vieles erlebt in den 236 Jahren ihres Klingens. (Vielleicht hat sogar Wolfgang Amadeus Mozart an ihrem Spieltisch gesessen – das aber gehört zu den Dingen, die sich nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren lassen.) Fest steht, dass das Instrument in den Jahren 1787 bis 1790 von dem Handschuhsheimer Orgelbauer Johann Andreas Krämer gefertigt wurde. Und dass es damit die einzige von einem Heidelberger geschaffene und noch erhaltene Heidelberger Orgel ist.
Krämer, der sich auch Mannheimer „Hoforgelmacher“ nennen durfte, baute sein Werk den klanglichen Idealen der „Mannheimer Schule“ entsprechend, einer Orchester- und Kompositionsschule mit Verbindungen zum Hof des Kurfürsten Karl Theodors (1724-1799), an dem auch Mozart mehrfach zu Gast war. (Daher könnte er das Krämer’sche Instrument gespielt haben.) „Die ‚Mannheimer Schule‘ war die Wegbereiterin für die Wiener Klassik“, weiß Christoph Bornheimer, „und die Orgel, die wir jetzt in der Christuskirche haben, kann man als spätbarock bezeichnen, aber ebenso gut als frühklassisch.“ Christoph Bornheimer ist Professor für Orgelliteraturspiel und Orgelimprovisation an der Hochschule für Kirchenmusik Heidelberg; er kennt sich aus mit dem besonderen Charakter des der Krämer-Orgel und ihrer Geschichte und er weiß, dass es ein Glücksfall für die Gemeinde ist, dieses „singuläre“ Instrument hören zu dürfen.
Ursprünglich nämlich tönte besagte Orgel in der St.-Gallus-Kirche in Ladenburg. Knapp 100 Jahre später stand ein erster Umzug an: Die „Königin“ siedelte in die St. Sebastianskapelle (auch in Ladenburg) über. Dort tat sie bis in die 1960er Jahre getreulich ihren Dienst, bis eine Restaurierung von Fresken ihren erneuten Abbau nötig machte. „Zum Glück hat man diesen Abbau sehr gut fotografisch dokumentiert“, sagt Christoph Bornheimer, denn: Die Fotos helfen bei der in diesem Jahr anstehenden Sanierung des Instruments.

Christuskirche Heidelberg

Christuskirche Heidelberg

Christuskirche Heidelberg

Christuskirche Heidelberg

Christuskirche Heidelberg
Zunächst aber ging die Geschichte der „Orgel des Monats Februar 2026“ in St. Sebastian weiter. Dort wurde sie im Jahr 1982 wieder auf- und dabei auch wesentlich umgebaut. Im Jahr 2008 musste die Kapelle geschlossen werden – trotz ihrer guten Kinderstube blieb die Orgel damit arbeitslos. Das änderte sich erst zehn Jahre später, als die Gemeinde in Heidelberg sie für die Christuskirche erwarb. Endlich erhielt das Instrument wieder Gehör: „Seit Ostern 2018 wird es so intensiv genutzt wie niemals zuvor.“
Christoph Bornheimer erzählt, wie beim Umsetzen der Krämer-Orgel an ihren jetzigen Standort auf der Seitenempore der Heidelberger Christuskirche bemerkt wurde, dass das originale Werk stark verändert worden war. „Zum Beispiel die Manuale gehörten eigentlich andersherum.“ Bei der Recherche im Freiburger Diözesanarchiv wurde die umfangreiche Foto-Dokumentation aus den 60er Jahren entdeckt – und die Forschenden fanden dabei noch etwas: Bilder von Gehäuse-Teilen, die bis dahin verschollenen waren. Flugs kontaktierte man die damals federführende Orgelbaufirma und die fehlenden seitlichen Harfenfelder des Gehäuses wurden erworben. Nun steht der Wiederherstellung des historischen Gehäuses und der Rückeroberung des ursprünglichen Krämer-Klanges nichts mehr im Wege.
„Wir hoffen, dass wir im Sommer starten können“, sagt Christoph Bornheimer. Bis heute seien schon mehr als 40 Prozent der benötigten Summe durch Spenden zusammengekommen. „Gemeinde und Hochschule sind sehr aktiv“. Benefizkonzerte und Pfeifenpatenschaften haben viele Spenden erbracht, die Stiftung Orgelklang fördert die Sanierung mit 5.000 Euro plus einer Projektspende in Höhe von 116.000 Euro. Insgesamt sind 365.000 Euro veranschlagt.
„Das Interesse an der Wiederherstellung ist groß“, weiß der Hochschullehrer, „und die Zeit ist reif, dieses bedeutende Zeugnis für kurpfälzischen Orgelbau zu ertüchtigen.“
Und das, obwohl die Christuskirche in der überaus glücklichen Lage ist, nicht auf das Instrument von Johann Andreas Krämer angewiesen zu sein, beherbergt sie doch eine weitere, höchst wertvolle Orgel: Ein kostbares Werk aus der berühmten Walcker-Werkstatt in Ludwigsburg aus dem Jahr 1903. Zwei Königinnen in einer Kirche? Können beide ausreichend Verwendung und Pflege finden? In der Heidelberger Gemeinde ist das keine Frage. Statt auf Konkurrenz setzt man hier auf Miteinander: Neben vielen gemeinsamen Auftritten in Gottesdiensten sind auch Dialogkonzerte, in denen beide Orgeln gespielt werden, geplant.